Ghosting statt Nachwuchsförderung: Bündnis 55+ kritisiert Umgang mit Schülerpraktika
Deutschland diskutiert über Fachkräftemangel – doch viele Unternehmen antworten nicht einmal auf Praktikumsbewerbungen von Neuntklässler:innen. Das kritisiert das Bündnis 55+ deutlich.
Zunehmend berichten Schüler:innen, Eltern und Schulen, dass Bewerbungen für Pflicht- und Orientierungspraktika unbeantwortet bleiben – selbst bei Nutzung digitaler Bewerbungswege oder nach wiederholter Nachfrage.
„Es kann ja nicht so weit her sein mit dem Fachkräftemangel in Deutschland, wenn Ghosting selbst gegenüber 14- oder 15-Jährigen inzwischen allgemein verbreitet ist“,
sagt Harry Hensler, Sprecher des Bündnis 55+.
Hensler kritisiert insbesondere den Widerspruch zwischen öffentlicher Rhetorik und betrieblicher Praxis:
„Wer über Nachwuchsmangel klagt, aber nicht einmal auf unbezahlte Schülerpraktika reagiert, hat kein Rekrutierungsproblem – sondern ein Haltungsproblem.“
Das Bündnis 55+ sieht darin ein strukturelles Versäumnis:
Schülerpraktika seien der früheste Kontaktpunkt zwischen Arbeitswelt und Nachwuchs
fehlende Rückmeldungen wirkten demotivierend und exkludierend
der Fachkräftemangel werde so selbst erzeugt
Forderung des Bündnis 55+:
verbindliche Ansprechpartner für Schülerpraktika
Mindeststandards für Rückmeldungen
stärkere Verantwortung von Unternehmen gegenüber Schulen
„Fachkräfte wachsen nicht von selbst nach. Sie entstehen dort, wo junge Menschen ernst genommen werden“, so Hensler abschließend.
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Essay
Fachkräftemangel oder Beziehungsabbruch? – Wenn Ghosting bei Schülerpraktika zur Normalität wird
Der Fachkräftemangel gilt als eines der dominierenden Narrative der deutschen Arbeitsmarktdebatte. Kaum ein wirtschafts- oder sozialpolitisches Fragezeichen kommt ohne diesen Begriff aus. Umso irritierender ist eine Praxis, die zunehmend von Schüler:innen, Eltern und Schulen berichtet wird: Ghosting bei Praktikumsbewerbungen, selbst bei 14- oder 15-Jährigen.
Schüler:innen der 9. Klasse bewerben sich über digitale Formulare, QR-Codes oder klassische Anschreiben – und erhalten keinerlei Rückmeldung. Keine Zusage, keine Absage, kein Hinweis. Nichts. Diese Praxis ist keine Ausnahme, sondern inzwischen vielfach dokumentiert.
Der erste Kontakt zählt – und bleibt aus
Gerade Schülerpraktika erfüllen eine zentrale gesellschaftliche Funktion:
erste Berufsorientierung
niedrigschwelliger Einstieg in Arbeitsrealitäten
frühe Bindung an Branchen und Betriebe
Wer an dieser Stelle nicht reagiert, verpasst nicht nur eine Gelegenheit – er untergräbt systematisch den eigenen Nachwuchsaufbau.
Ghosting ist kein Kavaliersdelikt
In der Erwachsenenwelt wird Bewerber-Ghosting bereits kritisch diskutiert. Bei Jugendlichen wiegt es schwerer. Es signalisiert:
Desinteresse
Austauschbarkeit
fehlende Wertschätzung
Für junge Menschen entsteht früh der Eindruck, dass Engagement folgenlos bleibt. Das ist nicht nur ein individuelles Problem, sondern ein strukturelles Demokratiedefizit der Arbeitswelt.
Der Fachkräftemangel als Ausrede
Wenn Unternehmen klagen, es gäbe „keinen Nachwuchs“, gleichzeitig aber:
keine Zuständigkeiten für Schülerpraktika haben
digitale Bewerbungswege ohne Rückkanal betreiben
Anfragen unbeantwortet lassen
dann ist das kein Fachkräftemangel, sondern ein Organisations- und Beziehungsversagen.
Fachkräfte entstehen nicht durch Sonntagsreden, sondern durch verlässliche, frühe Ansprache. Wer diese unterlässt, produziert den Mangel selbst.
Gesellschaftliche Verantwortung endet nicht bei HR
Arbeitsmarktpolitik beginnt nicht erst bei der Ausbildung oder Zuwanderung, sondern bei der Haltung gegenüber jungen Menschen. Ghosting ist keine Effizienz – es ist ein Vertrauensbruch.
